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Begriffe aus dem Strommarkt - Teil 4:

Abregelung von EE-Anlagen
Grafik : Abregelung von EE-Anlagen im Zeitraum 2009 bis 3. Quartal 2015

Einspeisemanagement - Abregeln von EE-Anlagen

 

Der Strommarkt ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Man muss ein erfahrener Experte sein, um die Zusammenhänge vollumfänglich zu verstehen. Dennoch versuchen wir als AK Energie in einer kleinen Artikelserie verschiedene Begriffe und Zusammenhänge aus dem Strommarkt zu erklären.

 

Erneuerbare Energien speichern statt abregeln!

Die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) müssen gesetzlich gewährleisten, dass sich Stromerzeugung und Stromverbrauch zu jeder Zeit im Gleichgewicht befinden und werden anteilig über den Strompreis, dem sogenannten Netznutzungsentgelt, dafür bezahlt (Begriffe s. Teil 1 unserer Serie).

 

Leider gehört die Abregelung von Erneuerbaren-Energien-Anlagen immer mehr zum Tagesgeschäft der Verteil- und Übertragungsnetzbetreiber. Rechtliche Grundlagen hierzu sind im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) enthalten.

Erneuerbare-Energien-Anlagen abzuregeln ist jedoch aus ökologischen Gründen die denkbar schlechteste Reaktion auf ein zeitlich begrenztes Überangebot von Erneuerbaren-Energien-Strom in lokalen Stromnetzen. Jede abgeregelte Kilowattstunde EE-Strom trägt dazu bei, den Bestand fossiler Kraftwerke zu sichern. Chancen zur CO2-Reduktion werden versäumt.

 

Bereits seit dem EEG 2009 dürfen Netzbetreiber EE-Anlagen abregeln, wenn Netzengpässe drohen oder sonstige Stromversorger am Netz bleiben müssen, damit „die Sicherheit und Zuverlässigkeit der Stromversorgung gewährleistet“ werden kann. Die vorhandenen fossilen und atomaren Grundlastkraftwerke erzwingen regelmäßig die Drosselung von Solar- und Windleistung. Erneuerbare Energien sind relativ schnell drosselbar und werden abgeregelt, da bestehende konventionelle Kraftwerke auf Grund ihrer träge reagierenden Betriebstechnik nicht weiter – oder nicht genug flexibel – abgeregelt werden können.

 

Galten noch in 2009 technische Abregelvorgaben erst für Anlagen über 100 kW, so gelten diese inzwischen selbst für Betreiber von Anlagen bis 30 kW. Diese haben allerdings die Möglichkeit, zwischen einer Fernregelung per Telekommunikationseinrichtungen oder einer dauerhafter Begrenzung auf 70 % der maximalen Wirkleistung der Anlage zu wählen.

 

Nicht nur Verteil- und Übertragungsnetzbetreiber sind zur Abregelung berechtigt. Seit Einführung der Direktvermarktung im EEG 2012 dürfen auch Privatunternehmen Abregelungen beauftragen. Wenn der EE-Strom an der Strombörse direkt vermarktet wird, können die Direktvermarkter bei ungünstigen Preisentwicklungen eine Drosselung und Abschaltung der EE-Anlagen erwirken – und zwar auch dann, wenn vor Ort gar kein konkreter Netzengpass vorliegt. Somit kann es passieren, dass Abschalt-Entscheidungen auch einmal ohne netzoptimierenden Hintergrund getroffen werden, sondern nur weil ein Überangebot an EE-Strom an der Börse den erzielbaren Preis abstürzen lässt. Es geht um die Optimierung der Einnahmen auf Grundlage des realen Marktes – alles völlig legal und politisch gewollt. Konventioneller Strom enthält damit indirekt ohne zwingende netztechnische Notwendigkeiten Vorfahrt. Eine fatale Entwicklung!

 

Fernleitungsbau?

Das oft bediente Argument, dass Abregelungen heute noch kostengünstiger seien als die schnelle und umfassende Einführung von Speichertechnologien, spricht nur der Fossilwirtschaft aus dem Herzen. Für eine vollständige Energiewende notwendig wären umfassende, rechtsverbindliche Förder- und Ausbaustrategien für netzgekoppelte Strom-Pufferspeicher sowie Mittel- und Langzeitspeicher. Erhalten diese grünes Licht, folgt der Marktdurchbruch und die Kosten sinken. Stattdessen wirbt die Bundesnetzagentur weiter für den Fernleitungsbau. Dabei wird übersehen, dass Fernübertragungsleitungen den EE-Strom nur örtlich (z.B. von Nord nach Süd) aber nicht zeitlich verschieben können. Tatsächlich aber benötigen wir gerade diese zeitliche Verschiebung, also eine funktionierende Stromspeicherung, um das über Tageszeit und Jahr wechselnde Angebot von Sonnen- und Windenergie z.B. auch für die Nacht und den Winter gespeichert verfügbar zu haben, also mit einer wechselnden Nachfrage in Übereinstimmung zu bringen.

Die Vermeidung von Abregelungen steht aber leider z.Zt. kaum im Vordergrund, somit ist anzunehmen, dass der geforderte Fernleitungsbau vor allem der Aufrechterhaltung zentraler Strukturen dienen soll.

 


Verteilnetz-Ausbau

Was Erneuerbare Energien brauchen sind funktionierende Verteilnetzstrukturen. Bevor abgeregelt und EE-Betreiber entschädigt werden, sollten alle Möglichkeiten zur Verstärkung, zum Ausbau und zur Optimierung des (Verteil)Netzes ausgeschöpft werden (§ 14 EEG 2014), damit nicht die Verteilnetze an den Grenzen ihrer Auslastung betrieben werden.

 

Entschädigungszahlungen

Im Jahr 2015 wurde mit 4,72 TWh*) mehr Strom abgeregelt als in den Jahren 2009 bis 2014 zusammen. Wenn abgeregelt wird, müssen den EE-Anlagenbetreibern die entgangenen Stromerträge finanziell ausgeglichen werden. Die Abrechnungsgrundsätze sind im EEG gesetzlich festgeschrieben. Die Rückfinanzierung erfolgt über die Netzgebühren, die ein Teil des Strompreises ausmachen. In 2015 summierten sich diese Entschädigungszahlungen auf 478 Mio €, das war mehr als das Doppelte der gesamten Zahlungen des Zeitraums von 2009 - 2014.

Was bietet sich mehr an, als den Erneuerbaren die hohen Zusatzkosten in die Schuhe zu schieben und daraufhin eine Ausbaubeschränkung und Ausschreibungsverfahren zu fordern. So jedenfalls warnte die Politik davor, den Fernleitungsbau weiter zu behindern. Dass die Strukturen des fossilen bzw. atomaren Zeitalters nicht mit den Anforderungen der Erneuerbaren Energien kompatibel sind, bleibt dabei unerwähnt.

 

Wichtig ist jetzt, dass wir in dieser hitzigen Diskussion den Überblick behalten.

Speicherbau ist in technischer Hinsicht die wichtigste Voraussetzung für den vollständigen Umstieg auf Erneuerbare Energien. Er verfolgt zwei Ziele:

  • sämtliche Solar- und Windstrom-Leistungsspitzen in direkter Nachbarschaft der Anlagen aufzufangen und geglättet weiter zu geben

  • und Energiemengen, die nicht im Lauf der nächsten Nacht oder der nächsten Windflaute aufgebraucht werden, in Form von energiehaltigen Flüssigkeiten oder Gasen (power to liquid oder power to gas) verfügbar zu machen.

    Die Ziele sind erst dann erreicht, wenn die Gesamtheit aller Langzeitspeicher in der Lage ist, die gesamte Energieversorgung in Deutschland auch in längeren Dunkelflaute-Zeiten in der benötigten hohen Leistung voll zu übernehmen. Andernfalls müssten immer noch fossile Kraftwerke bereitgehalten werden.

 

Wenn wir also den Ausbau von Speichern weiter verzögern, verschwenden wir Zeit, Geld und Ressourcen und noch schlimmer: Wir feuern den Klimawandel weiter an!

 

(sus)

*) 1 TWh = 1 Billion Wattstunden (Wh) = 1 Milliarde Kilowattstunden (kWh)

Quelle: Solarenergieförderverein Deutschland e.V., Artikel vom 31.05.2016, aktualisiert am 31.08.2016 von Susanne Jung http://www.sfv.de/artikel/speichern_statt_abregeln.htm

 

 

 

 

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